Abenteuer in der Wildnis
Rentierjagd in Norwegen – Jagd in Europas letzter großer Wildnis
Rentierjagd in Norwegen: Auf der Pirsch in Europas letzter großer Wildnis
Seit Tausenden von Jahren jagen Menschen Rentiere in Norwegen. Moderne Bekleidung und Ausrüstung haben vieles verändert, doch die Jagd auf wilde Rentiere zählt noch immer zu den körperlich anspruchsvollsten Jagdformen Europas.
Seit mehr als einer Stunde sind wir bereits unterwegs. Der Norweger Peder Myrset macht deutlich, dass wir dem Wanderweg noch einige Stunden folgen müssen. Erst dann verlassen wir die Route – die letzte Spur der Zivilisation in dieser abgelegenen Region. Die verbleibenden zehn Kilometer bis zum eigentlichen Jagdgebiet führen durch unberührte Wildnis.
Der Jäger zieht die Kapuze tief ins Gesicht, um sich gegen den kalten Wind und den anhaltenden Regen zu schützen. Gleichzeitig bereitet er sich gedanklich auf den letzten Abschnitt des Marsches vor. Als er aufsteht, macht sich sofort das Gewicht des voll beladenen Rucksacks bemerkbar. Diese Rentierjagd in Norwegen wird kein einfacher Ausflug.
Wilde Rentiere werden in Norwegen zu Fuß bejagt. Erfolg hängt von Ausdauer, körperlicher Fitness und der richtigen mentalen Einstellung ab. Im Kern geht es bei dieser Jagd darum, sich einer der härtesten Wildnislandschaften Europas zu stellen.

„Plötzlich kommt der Jäger in halsbrecherischem Tempo zurückgerannt. Er hat drei Rentiere entdeckt – alles Hirsche.“
Das Lizenzsystem für die Rentierjagd in Norwegen
In Europa kann die Rentierjagd in Norwegen, Island und Finnland ausgeübt werden. In Norwegen wird die Jagd über ein Lizenzsystem geregelt, das auf jährlichen Bestandszählungen basiert. Entsprechend werden Abschusslizenzen für Alttiere, Kälber, junge Hirsche sowie sogenannte Freilizenzen vergeben.
Mit einer Freilizenz darf grundsätzlich jedes Tier erlegt werden. Aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten werden diese Lizenzen jedoch meist für kapitale Hirschrentiere genutzt.
Die Jagd auf wilde Rentiere in Norwegen gilt als besonders ethische Form der Jagd. Die nachhaltige Nutzung des Wildbrets steht dabei klar im Vordergrund. Weite Schüsse sowie Schüsse auf ziehendes Wild oder auf Tiere, die zu dicht beieinander stehen, gelten als Verstoß gegen die Jagdvorschriften. Während der Saison kontrollieren die Behörden regelmäßig sowohl Lizenzen als auch die Einhaltung jagdethischer Standards.

Leben in der norwegischen Wildnis
Als wir die Höhle erreichen, die uns für die Nacht Schutz bieten soll, regnet es immer noch. Peder nutzt diesen Platz seit vielen Jahren als Lager. Komfort darf man hier nicht erwarten, doch in dieser rauen Berglandschaft ist die Unterkunft mehr als ausreichend.
Nach dem langen Marsch durch dauerhaft nasses Gelände haben wir alle feuchte Füße. Umso weniger begeistert sind wir, als wir feststellen, dass aus kleinen Spalten im Fels über uns vereinzelt Wasser tropft. Die Nacht könnte unangenehm feucht werden.
Unsere Sorgen verfliegen jedoch schnell, als Peder verkündet: „Zeit, die Netze auszulegen.“ Viel Proviant haben wir nicht dabei. Fisch wird während dieser Tour einen wichtigen Teil der Verpflegung ausmachen.
Der Weg zum See führt über große Felsblöcke. Von Stein zu Stein springend arbeiten wir uns voran. Peder geht voraus, der Jäger folgt ihm dicht auf den Fersen. Während die Forellennetze ausgelegt werden, beobachtet der Jäger, wie sich das Wetter verändert. Über den grauen Bergmassiven ziehen langsam Wolken auf, zwischen denen noch vereinzelte Schneefelder liegen.
In dieser Höhe verschwindet der Schnee selbst im Sommer nie vollständig. Die warme Jahreszeit ist kurz und kühl. Nachdem Peder erklärt hat, wie die Netze befestigt werden, kehren wir zu unserem einfachen Lager zurück. Dort gibt es einige Scheiben Brot mit Wurst und dazu frisches Wasser direkt aus der Wildnis.
Zum ersten Mal in seinem Leben schläft der Jäger in eine Plane eingewickelt. Für Peder gehört das seit Jahrzehnten zum Alltag. Seit mehr als 65 Jahren kommt er in diese Berge. In dieser Zeit hat er unzählige Forellen gefangen, hunderte Kilogramm Beeren gesammelt und zahlreiche wilde Rentiere erlegt – alles hat er auf dem Rücken ins Tal getragen.

Die Plane schützt zuverlässig vor dem feuchten Höhlenboden und den vereinzelten Tropfen von der Decke. Alles funktioniert wie vorgesehen, und innerhalb weniger Minuten schlafen wir tief und fest.
Ein vielversprechender Start in den Jagdtag
Der Jäger ist als Erster wach. Das Wetter hat sich deutlich gebessert, und während Peder Wasser für den Morgenkaffee auf dem kleinen Gaskocher erhitzt, unternimmt er einen kurzen Rundgang am Hang oberhalb des Lagers.
Gerade als das Wasser die richtige Temperatur erreicht und der Deckel der Kanne zu klappern beginnt, kommt der Jäger in vollem Tempo zurückgerannt.
Er hat drei Rentiere entdeckt – alles Hirsche. Einer von ihnen hat das Bast bereits vollständig von den Geweihen gefegt. Genau nach einem solchen Tier sucht er. Und genau dafür besitzt er die passende Lizenz.
Ältere Hirsche verlieren das Bast in der Regel zuerst. Meist geschieht dies Anfang September, und bis dahin ist es noch etwa eine Woche. Der Jäger hat also nicht nur einen reifen Hirsch gefunden, sondern auch einen, der ungewöhnlich früh verfegt hat.

Obwohl die Sicht in den Bergen oft kilometerweit reicht, sind Rentiere erstaunlich schwer zu entdecken. Ihr Fell fügt sich perfekt in die Umgebung ein. Tatsächlich sind es vor allem die hellen, imposanten Geweihe, an denen wir die Tiere erkennen können. Sie stehen etwas unterhalb unserer Felshöhle.
An Frühstück ist zunächst nicht zu denken. Unsere Netze – und damit unser Frühstück – befinden sich noch im Wasser. Dort müssen sie vorerst auch bleiben, denn die Rentiere halten sich in unmittelbarer Nähe des Sees auf.
Obwohl das Kaffeewasser gerade erst zu kochen begonnen hat, schaltet Peder den Brenner aus. Stattdessen breitet er die Karte aus, prüft die Windrichtung und beginnt mit den Vorbereitungen für die Pirsch.
Auf der Pirsch im Rentiergebirge
Dieses Jagdgebiet trägt den Namen Snøhetta. Es erstreckt sich über mehr als 3.300 Quadratkilometer und liegt in drei verschiedenen Kommunen. Im Jahr 2015 wurden hier 1.680 Lizenzen vergeben, von denen 774 genutzt wurden. Bei einer Erfolgsquote von unter 50 Prozent braucht es für eine erfolgreiche Jagd nicht nur beständiges Wetter, sondern auch die Erfahrung eines Mannes wie Peder, der seit mehr als fünf Jahrzehnten Rentiere in diesen Bergen bejagt.
Vom Blickfeld der Tiere abgeschirmt, bewegen wir uns zügig durch die felsige Landschaft. Wir queren ein schneebedecktes Feld, das eher an einen kleinen Gletscher erinnert, und springen anschließend über Hunderte Meter von Felsblock zu Felsblock. Nach der Flussquerung beginnt der steile Anstieg, der uns schließlich in eine Position bringen soll, von der aus wir die Tiere überblicken können.
Mit der Sonne im Rücken nähern wir uns den Rentieren. Nach einigen Stunden haben wir den Punkt erreicht, den Gelände und die scharfen Sinne der Tiere zulassen. Für einen sicheren Schuss reicht die Distanz jedoch noch nicht aus.
Also warten wir.
Eine halbe Stunde lang bewegt sich niemand. Die Rentiere nicht. Wir auch nicht.
Geduld gehört zu den wichtigsten Tugenden bei der Rentierjagd. Als die Erfolgsaussichten zunehmend schwinden, beschließen wir, zum Lager zurückzukehren, einen Kaffee zu trinken und die Bewegungen der Tiere von dort aus weiter zu beobachten.

Die letzte Annäherung
40 Minuten später sind wir zurück an der Höhle. Peder setzt Wasser für Kaffee auf. Kaum hat es den Siedepunkt erreicht, werden die Rentiere wieder aktiv.
Peder wirft dem Jäger einen fragenden Blick zu. Kaffee oder Jagd?
Die Antwort liegt auf der Hand.
Mit leerem Magen nehmen wir einen neuen Anlauf und versuchen, die Tiere von der anderen Seite zu erreichen. Nach weiteren vier Stunden Pirsch gelingt es uns schließlich, bis auf 200 Meter an den stärksten der drei Hirsche heranzukommen. Der Jäger geht in Anschlag, der Schuss bricht, und nach einer kurzen Flucht liegt der Hirsch.

Vom ersten Entdecken der Tiere bis zum erfolgreichen Schuss sind mehr als sieben Stunden vergangen.
Nun beginnt die Arbeit nach der Jagd. Um das Wildbret vor Vielfraßen zu schützen, wird es unter einem größeren Steinhaufen zwischengelagert. Anschließend holen wir die Fischernetze ein, erhitzen endlich das Wasser für den Kaffee und füllen unsere seit Stunden leeren Mägen mit einer dringend benötigten Mahlzeit.
Die Belohnung für alle Mühen
Die erfolgreiche Jagd sorgt nicht nur für zufriedene Gesichter, sondern auch für etwas, das mittlerweile dringend benötigt wird: Nahrung.
Zum ersten Mal in mehr als 50 Jahren, in denen Peder in diesen Bergen fischt, bleiben die Netze leer. Der zähe Norweger nimmt auf seinen Touren grundsätzlich kaum Verpflegung mit. Er lebt von dem, was die Wildnis hergibt – von dem, was er jagen, fangen oder sammeln kann.
Ohne das erlegte Rentier säßen wir nun tatsächlich ohne Essen da. Es war ein langer und kräftezehrender Tag. Das Wildbret liegt schwer im Magen, und die Müdigkeit macht sich schnell bemerkbar. Erschöpft und mit schmerzenden Muskeln kriechen wir in unsere Schlafsäcke in der kleinen Felshöhle. Der Schlaf kommt sofort.
Am nächsten Morgen erkennt der Jäger durch die schmale Öffnung der Höhle, dass es wieder regnet. Nicht überraschend, aber dennoch unerquicklich. Nach einem schnellen Kaffee und den letzten beiden Scheiben Weißbrot ist es Zeit, das Wildbret zum Depot zu bringen. Glücklicherweise müssen wir es nur einige Kilometer weiter talwärts tragen. Von dort wird Peder es später mit seinen Islandpferden aus dem Gebirge holen.
Als der Jäger und Peder später in nasser Kleidung zum Lager zurückkehren, um für den Heimweg zu packen, werden die Strapazen der vergangenen Tage deutlich spürbar. Es war nicht leicht, mit Peder Schritt zu halten. Trotz seiner fast 70 Jahre bewegt er sich mit gleichmäßigem Tempo durch das Gelände und zeigt keinerlei Anzeichen von Erschöpfung.
Während der Jäger damit kämpft, seinen schweren Rucksack aufzusetzen, zieht Peder routiniert die Gurte fest und bringt die Last dicht an den Rücken. Der Jäger dreht sich um, hebt sein Rentiergeweih an und legt es sich auf die Schultern.
Als er schließlich aufbruchbereit ist, hat Peder den Rückweg bereits angetreten. Fast 50 Meter liegt er schon vor ihm auf dem rund 20 Kilometer langen Marsch zurück in die Zivilisation. Dem Jäger ist klar, was die nächsten Stunden bringen werden: eine Mischung aus Anstrengung und Zufriedenheit – genau das, was eine Rentierjagd in Norwegen ausmacht.
Rentierjagd in Norwegen planen
Ausländische Jäger können keine Lizenzen für die Rentierjagd auf staatlichen Flächen in Norwegen erwerben. Möglich ist jedoch der Kauf einer Lizenz über private Grundeigentümer. Je nach Region kann eine solche Lizenz Zugang zu privaten sowie teilweise auch zu angrenzenden staatlichen Gebieten ermöglichen.
Die Kosten variieren erheblich. Eine Kalblizenz ist teilweise bereits ab etwa 500 NOK erhältlich, während eine Freilizenz in besonders begehrten Revieren bis zu 40.000 NOK kosten kann. Im Gebiet Snøhetta kostet eine Kalblizenz in der Regel rund 1.500 NOK. Für eine Freilizenz müssen je nach Angebot etwa 5.000 bis 8.000 NOK eingeplant werden.
Wer eine Rentierjagd in Norwegen plant, findet auf folgenden Webseiten weitere Informationen:
Setesdal/Ryfylke: www.villreinlag.no
Setesdal Austhei: www.savl.no
Forollhogna: www.hognareinen.no
Die Bewerbungsfristen variieren je nach Gebiet, enden jedoch häufig um den 1. Mai. Weitere Informationen zur Rentierjagd und zur Jagd in Norwegen allgemein finden sich unter www.inatur.no.

Warum Ortskenntnis entscheidend ist
Unser Jagdgebiet lag weit entfernt von Straßen, Siedlungen und jeglicher Infrastruktur. Ohne Peders Hilfe hätten wir diesen Ort vermutlich nie gefunden.
Wer zum ersten Mal auf Rentierjagd nach Norwegen reist, sollte nach Möglichkeit Kontakt zu einem ortskundigen Jäger oder Jägerin aufnehmen. Die Erfahrung eines Einheimischen, der das Gebiet kennt und die Bewegungsmuster der Rentiere versteht, kann den Unterschied zwischen einer erfolgreichen und einer erfolglosen Jagd ausmachen. Solche Kontakte lassen sich heute häufig über Jagdnetzwerke, Vereine oder soziale Medien knüpfen.
Erfolgsquoten bei der Rentierjagd
Eine Erfolgsgarantie gibt es bei der Rentierjagd nicht. Gerade das macht einen Teil ihres Reizes aus. Im Jahr 2015 wurden in Norwegen insgesamt 20.860 Lizenzen ausgegeben. Davon führten 6.509 zu einem erlegten Tier. Die landesweite Erfolgsquote lag damit bei 31,2 Prozent.
Die höchsten Erfolgsquoten werden traditionell im beliebten und vergleichsweise gut zugänglichen Gebiet Forollhogna erzielt. Dieser Umstand spiegelt sich allerdings auch in den Preisen wider. Dort werden jährlich rund 700 Lizenzen vergeben. Im Jahr 2015 lag die Erfolgsquote bei beachtlichen 83 Prozent.