Pirsch

Sommerjagd auf anatolische Rehböcke

Sommerjagd auf anatolische Rehböcke

Die Stangen des Rehbocks unter uns sind unscheinbar. Zwei kurze Enden zwischen den Lauschen – weit entfernt von dem reifen Kapitalbock, für den Jens Kjær Knudsen in die Türkei gereist ist.

Es ist unsere erste Begegnung mit dieser asiatischen „Unterart“ des Rehwilds. Schnell wird klar: Die Stücke hier sind extrem wachsam. Dieser junge Bock hat uns auf mehrere hundert Meter bemerkt und beim Abspringen laut geschreckt. Die Jagd in diesem Tal ist für den Morgen beendet.

Ansitz auf anatolische Art

Am späten Nachmittag fahren wir über holprige Waldwege, durch tiefe Schlammlöcher, Kilometer um Kilometer. Plötzlich stoppt unser Guide Erol Ak den Wagen. Vor uns lichtet sich der Wald – eine offene Fläche, auf der er bereits mehrfach einen alten Bock bestätigt hat.

Der „Hochsitz“ entpuppt sich als einfache Hütte. Im Sommer nutzen Hirten sie mit ihrem Vieh. Heute dient sie uns als Ansitz. Rundherum: saftige Wiesen, Kräuter, gelbe Blüten – eingerahmt von endlosem Wald.

Wir beziehen Position. Erol sichert die Ostseite, ein Jagdaufseher – in der Türkei Pflicht bei jeder Jagd – die Südseite. Jens und ich decken die übrigen Richtungen ab.

Kurz vor Sonnenuntergang zieht eine Ricke über die Fläche – nervös, flüchtig. Wenig später folgt ein Bock. Schön verfärbt, sauberer Sechser – aber noch zu jung. Sein Verhalten lässt vermuten, dass hier mehrere Böcke stehen, darunter auch ältere.

Zwischen Minarett und Bergwildnis

Wir jagen auf etwa 1.300 Metern Höhe in den Bergen der Schwarzmeerregion. Überall liegen kleine Dörfer, jedes mit eigener Moschee. Mehrmals täglich hallt der Gebetsruf durch die Täler.

Als die Dämmerung einsetzt, verstummen selbst lichtstarke Gläser. Der Bock draußen äst ruhig weiter – unbeeindruckt vom Echo der Minarette, das ihn sein Leben lang begleitet hat.

Mit der Wärmebildoptik entdecken wir später eine Bärin mit zwei Jungen – nur 300 Meter entfernt. Das Rehwild bleibt dennoch ruhig. Doch für einen Schuss ist es längst zu dunkel. Uns bleiben nur wenige Stunden Schlaf.

Bock auf Bock

An einem anderen Abend sitzen wir oberhalb eines kleinen Sees zwischen Felsen. Die Anfahrt: fast eine Stunde über Schotterpisten. Doch der Platz lohnt sich – ein kleines Paradies.

Ein junger Sechser zieht unter uns vorbei – perfekte Schussdistanz, doch wir warten. Kurz darauf erscheint ein Vierer, dann ein hoch aufgesetzter Sechser mit langen Stangen. Körperbau, Trägerstärke, Verhalten – das ist ein alter Bock.

Er nimmt die Spur des Jüngeren auf. Sekunden später zieht er unter uns durch – schnell, ohne Chance. Beide verschwinden im Wald. Der Plan für den nächsten Morgen steht.

Pirsch mit Risiko

Am nächsten Tag will Erol pirschen. Keine ideale Situation – lauter Untergrund, wenig Übersicht. Doch wir folgen ihm.

Lautlos arbeiten wir uns hangabwärts. Frische Bärenspuren im Gras – aber jetzt zählt nur der Bock.

Plötzlich verharrt Erol, gibt Zeichen. Jens geht in Anschlag. Ich sehe den Bock erst im letzten Moment. Er ist aufmerksam, aber nicht sicher.

Das Haupt teils verdeckt, der Körper frei. Größe, Decke, Verhalten – ein alter Bock. Jens entscheidet sich.

Der richtige Bock?

Sicherheit bringt erst die Nachsuche. Mit Spannung folgen Jens und Erol der Fährte. Dann der Moment: Es ist genau der Bock vom Vortag.

Glück? Vielleicht. Doch Erfahrung, Vorbereitung und Können erhöhen die Chancen. Oder, wer weiß – vielleicht haben auch die Gebete aus den Bergen ihren Teil beigetragen.

Mashallah.

Anatolisches Rehwild – Ein Überblick

In Europa und Asien kommen verschiedene Rehwild-Unterarten vor, u. a.:

  • Sibirisches Rehwild
  • Chinesisches Rehwild
  • Schwarzes Rehwild
  • Italienisches Rehwild
  • Andalusisches Rehwild
  • Europäisches Rehwild

Das anatolische Rehwild ähnelt dem europäischen stark, ist jedoch meist schwerer. Alte Böcke erreichen in der Türkei Lebendgewichte von 30 bis 37 kg.

In den letzten Tagen sehen wir mehrere Böcke – ständig in Bewegung, selten äsend. Trotz geringen Jagddrucks sind sie extrem vorsichtig. Kein Wunder: Rehwild steht hier am Ende der Nahrungskette. Wolf, Luchs, Fuchs, Bär – und auch starke Keiler – gehören zu den natürlichen Feinden.

Schwarzwild in der Türkei

Die Türkei beherbergt starke Schwarzwildbestände. Keiler über 300 kg sind keine Seltenheit.

Die Jagd erfolgt meist nachts entlang von Wechseln und Kirrungen. Starke Keiler behaupten die besten Plätze und verdrängen schwächere Stücke.

Auf dieser Reise erlegen wir zwei Keiler mit Waffenlängen von etwa 20 und 24 cm.

Für die lokale Bevölkerung ist Schwarzwild problematisch. Es wird kaum bejagt, da Schweinefleisch nicht genutzt wird. Stattdessen dient es häufig als Nahrung für Raubwild oder wird weiterverarbeitet.

Jagdsystem und Abschusszahlen

Seit 2013 wurden in dem 29.000 Hektar großen Revier lediglich drei Rehböcke erlegt. Insgesamt sind es landesweit nur etwa 100 Stück jährlich.

Die Jagd erfolgt über ein Lizenzsystem. Für Gästejäger stellen Outfitter die entsprechenden Genehmigungen bereit.

Jagdzeit und beste Zeit

Die beste Zeit auf Rehbock liegt zwischen dem 15. April und 15. Mai. Generell reicht die Saison meist vom 1. April bis 31. Oktober.

Ricken sind aus ethischen und religiösen Gründen nicht bejagbar. Das Wild reguliert sich über harte Winter und hohen Prädationsdruck – nur die stärksten Stücke überleben.

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